
Was für eine Story, was für ein Jahr. Sind Arbeitsgerichte eigentlich dafür angedacht, Arbeitnehmer ziemlich schnell wieder auf den Arbeitsmarkt zu bringen, halten die Prozesse in meinem Fall nun bereits 1.5 Jahre an.
Anbei nochmals eine Kurzzusammenfassung:
Geschäftsführer und meine Person sind sich im Dezember 2021 über ein wichtiges Arbeitsthema uneinig. Das erste Mal in der Historie Marokkos bleiben als eines der wenigen Länder global gesehen die Ländergrenzen wegen Covid auch während der Weihnachtszeit geschlossen. Somit war es nicht möglich, sich wie in den letzten zehn Jahren über die Weihnachtsferien in Marokko zu treffen, wo wir die neue Jahresplanung in der Regel zusammen angehen.
Der Flugverkehr öffnete erst wieder Februar 2022 und unseren Anzahlern verpflichtet nahm ich eines der ersten teuren Tickets, um zum Feedbackgespräch nach DE zu fliegen. Denn auch im Januar wurde jegliches Gespräch verwehrt.
In DE angekommen, wurde mir zur Begrüßung vom zweiten Firmeninhaber gleich drei Briefe übergeben. Nichtsahnend öffnete ich diese bei einem Bekannten des Geschäftführers und fand eine Kündigung ohne Begründung vor.
Nach zehn Jahren ohne Urlaub und mit regelmässigem Arbeiten am Wochenende und „Feierabende“ war mir sofort klar, dass hier gerade einiges nicht stimmte. Ein Gespräch mit der Schwester begründete mein Verdacht. Wir sind einfach beide mit der Situation des jährlich geplanten Startups überfordert gewesen. Nachdem die Kündigung am 20. Tag nach „Zustellung“ nicht zurückgenommen wurde, blieb mir keinen Ausweg als am 21. Tag eine Kündigungsschutzklage einzureichen. Denn immerhin gibt es diesen in Deutschland.
Wirklich? Nicht für alle! Denn was keiner von uns Mitarbeitern weiß, ist dass wir angeblich alle keinen Kündigungsschutz haben. Bei einer Anzahl von weniger als 10 Mitarbeitern schützt der Staat nämlich die Kleinbetrieben. Dieser Schwellenwert wurde vor einigen Jahren von 5 auf 10 angehoben.
Und gibt es nun ein Problem?
Ja! Denn obwohl wir über 10 Mitarbeiter sind, wurde von der Gegenseite lediglich 7.5 vor Gericht angegeben. Nun lag ich in der Beweislast. Seltsame Regelung, muss man aber akzeptieren. Da ich nun über 10 Jahre Mitarbeiterin bin (es gibt kaum andere, welche solange dabei sind), fiel es mir natürlich leicht zu „beweisen“, dass wir mehr als 10 sind, nämlich 12!
Doch am Tage des Prozesses dann die Überraschung. Das Gericht erkennt lediglich 9.5 Mitarbeiter an!
Hierbei habe ich mich folgendes gefragt:
• Warum kann nicht einfach bei der Renten-und Sozialkasse angefragt werden? Denn jedes korrekt arbeitende Unternehmen wird doch seine Mitarbeiter anmelden…wobei hier dann auch Abweichungen der Arbeitsstunden in der Theorie und in der Praxis nicht immer Übereinstimmungen sind.
• Warum darf ein Unternehmen vor Gericht eine falsche Anzahl an Mitarbeitern angeben? (TWIKE gibt 7.5 an, das Gericht stimmt aber mind. 9.5 Mitarbeitern zu.
Kann es sein, dass dieser kostspielige und nervenaufreibende Prozess mitten in der finalen (?) Startphase des bereits über zehnjährigen Projektes TWIKE 5 wegen fehlenden 0.5 Mitarbeitern sich nun bereits 1.5 Jahre zieht?
Ja! Nachdem 9 (!!!) Mediationsversuche auf dramatische Art und Weise gescheitert sind, blieb mir nichts anderes übrig als in Berufung zu gehen. Dieser wurde auch sofort stattgegeben und somit wird es nun am Di, 01.08.2023, vor dem Landesarbeitsgericht um die fehlenden 0.5 Mitarbeiter gehen. Der Prozess ist so weit ich weiß öffentlich.
Spannend? Bestimmt! Und ich habe sehr viel in diesen 1.5 Jahren über den Unterschied zum Elfenbeinturm Uni und realer Welt gelernt. Gut, dass ich damals nicht Jura studiert habe. Zum Thema Anwälte gibt es nochmals einen extra Blogbeitrag, versprochen! Denn bei manchen reibe ich mir bis heute noch die Augen!
Auf in den Endspurt! Und möge es eine faire Verhandlung mit zwei Gewinnern geben.






